Ludwig I

König der Schafe

Mit dem Bilderbuch „Ludwig I. König der Schafe“ hat Olivier Tallec eine Geschichte vorgelegt, die fast ohne Text auskommt. Zum Glück, möchte man sagen, denn die Bilder bestechen durch ihren Detailreichtum und durch ihren Witz – und transportieren gleichzeitig eine Parabel der Selbstüberschätzung, die dem geübten Leser schon aus George Orwells „Animal Farm“ bekannt vorkommen könnte.

Die Geschichte oder wie Ludwig zu Ludwig I. wird

Sich durchaus an eine breite und damit im Grunde alterslose Leserschaft richtend erzählt Tallec die Geschichte von Ludwig, dem Schafbock, dem eines Tages im wahrsten Sinne des Wortes eine Krone zufliegt. Diese aufsetzend, wird Ludwig zu Ludwig I., König der Schafe. Der Leser wird geradezu behutsam in die Geschichte eingeführt: Der Text fehlt auf der ersten Doppelseite völlig, in einer herbstlichen Landschaft sind grasende Schafe zu sehen, die sich gegen den Wind stemmen. Markant sticht schon hier durch die blaue Farbe Ludwigs künftige Krone hervor, die am äußersten linken Bildrand zu bewundern ist und geradewegs auf Ludwig zufliegt. Erst auf der zweiten Seite setzt der Text ein, ohne große Einleitung wird Ludwig zu Ludwig I. ernannt. Auf den nachfolgenden Seiten bleibt der Text konsequent als Spruchband am unteren Bildrand angeordnet und überlässt den Bildern das ‚Erzählen‘ der Geschichte. Und die hat es in sich: Ludwig fühlt sich zu Höherem berufen: Eine Weidenrute als Zepter nutzend, marschiert Ludwig I. durch ‚seine‘ Untergebenen, die zunächst völlig desinteressiert weiter auf der Wiese grasen und sich keinen Deut um Ludwig scheren. Seine elaborierte Haltung separiert Ludwig zunehmend von seinen Artgenossen: Er sitzt auf einem ‚Thron‘ – ein Baum bietet hier Sitzgelegenheit –, er schläft unter einem Baum fernab seiner Herde und verliest – auf seinen Hinterhufen vor Mikrofonen stehend – eine Rede vor seinen Untergebenen. Schließlich geht er auf einem Schaf reitend auf Löwenjagd, lustwandelt in seinen Palastgärten und lädt schließlich sogar Künstler in seinen Palast ein, die ihm neben Botschaftern aus anderen Ländern aufwarten. Er nimmt militärische Paraden ab und verpflichtet sein Volk, „im Gleichschritt zu marschieren“ (o.P.). Den Höhepunkt seiner Regentschaft markiert wohl aber die Anordnung, dass nur noch die schönsten Schafe um ihn herum leben dürfen, während die anderen vertrieben werden. Doch die Natur hat – zum Glück – Einsehen: Der Wind nimmt Ludwig I. die Krone und weht sie – korrespondierend zum Auftauchen der Krone der Leserichtung folgend am linken Bildrand – nach rechts aus dem Bild heraus. Ludwig I. ist wieder Ludwig der Schafbock und wieder ‚nur‘ einer unter vielen. Das letzte – wieder textlose – Bild lässt allerdings Schlimmes erahnen: Ein Fuchs spaziert von rechts kommend auf die Schafherde zu, auf dem Kopf die blaue Krone…

Hybris und Selbstüberschätzung und Verbindungen zu „Animal Farm“ und König Ludwig I. von Bayern

Die Hybris, die Ludwig I. zunehmend an den Tag legt, erinnert zum einen an George Orwells Klassiker „Animal Farm“, in dem die Schweine die Macht über die anderen Tiere an sich reißen, sich später kleiden wie die Menschen, die anderen Tiere für sich arbeiten lassen und schließlich kaum noch von den Menschen zu unterscheiden sind. Es zeigt sich, dass einige Tiere gleicher als gleich sind und sich anmaßen, besser zu sein, um über andere zu herrschen. Zum anderen lässt das Buch Verbindungen zu König Ludwig I. (25.08.1786-29.02.1868), der als König in Bayern (1825-1848) zunächst einen liberalen Politikstil pflegte, bis er nach der Julirevolution 1830 in Paris zunehmend reaktionärer regierte und Erlasse und Verbote sowie politische Prozesse einleitete. Gleichzeitig galt er als Förderer der Künste und der Wirtschaft und war bekannt als Dichter und Bauherr. All dies greift auch Tallec auf und lässt seinen Ludwig I. nicht nur Gesetze erlassen, sondern ‚fördert‘ auch die Künste, indem er Lustgärten anlegen und Künstler in seinem Palast auftreten lässt. Parallelen lassen auch die ‚Enden‘ der Könige zu: Während der bayerische König zugunsten seines Sohnes Maximilian II. abdankte und als Privatmann die Künste förderte, verliert Ludwig I., König der Schafe seine Krone an einen Fuchs, der – vielleicht zufällig – des Weges kommt und die Gelegenheit nutzt, um die Schafherde zu beherrschen.

Die Geschichte einer unerwarteten Regentschaft mit all ihren Folgen mit Schafen zu erzählen, ist ein wunderbarer Einfall und zeigt die mitunter irrsinnigen Anliegen auf, die Regenten in Monarchien durchzusetzen imstande sind. Damit korrespondierend zeigt Tallec auch die andere Seite, dass nämlich die Untertanen gleich Schafen den Befehlen ihres Königs folgen und nicht aufbegehren, um dem unsinnigen Treiben ein Ende bereiten. Dabei gelingt es Tallec eindrücklich, Emotionen zu transportieren und zwar nicht nur von Ludwig I. – der beispielsweise, als er seine Krone wieder verliert, entsetzt mit großen Augen der Krone und damit dem Ende seiner Regentschaft hinterher schaut –, sondern auch von seinen Untergebenen, die wie eine willenlose Herde das machen, was Ludwig I. von ihnen verlangt, nämlich im Gleichschritt in einer militärischen Parade marschieren. Es genügen wenige Striche und eine der Jahreszeit angemessene Farbpalette, um Ludwigs Zeit als König zu zeigen und die Diskrepanzen zwischen ihm, seinen Untertanen, seinem gewählten Lebensstil und seinem eigentlichen Leben zu zeigen und die Unsinnigkeit seines Tuns zu verdeutlichen.

Das Leben – ein Traum?

Schaut man sich Ludwigs Regentschaft an, könnte durchaus auch der Eindruck eines Traumes entstehen: Sich eine Krone erträumend und sein Volk lenkend, erträumt sich Ludwig immer größere Prunkgemächer. Der Thron in einem Baum reicht irgendwann nicht mehr: Ein Palast muss her, indem ihm Botschafter die Aufwartung machen können und in dem – dem König angemessen – Kunst gelebt werden kann. Auch die Gestaltung des Buches selbst lässt Assoziationen an einen Traum zu: Die allererste Doppelseite des Buches ist Sonnengelb gehalten, während die allerletzte Doppelseite in Hellblau erscheint. Zudem erscheint die Krone links und entschwebt rechts aus dem Bild – der Leserichtung folgend – und gewinnt damit etwas Flüchtiges, nicht Fass- und Haltbares, das auch einem Traum nachgesagt werden kann.

Alles in allem ist Olivier Tallec ein Bilderbuch gelungen, dass durchaus mit dem Label „All Age“ versehen werden kann und das Lust macht, mehrmals betrachtet zu werden, um in Ludwigs verrückter Regentschaft zu schwelgen.

Literatur

Olivier Tallec: Ludwig I. König der Schafe. Übersetzung von Thomas Bodmer. Zürich: NordSüd 2015.

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