Mawils „Kinderland“

„Irgendwas mit Zeichnen als Beruf“

Pünktlich zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls hat Mawil zum Beginn des Jahres seinen neuen Comic Kinderland vorgelegt und sich nach siebenjähriger Publikationspause eindrucksvoll zurückgemeldet. Im Juni wurde er dafür bereits beim Erlanger Comicsalon mit dem Max-und-Moritz-Preis als bester deutscher Zeichner prämiertund sein Comic wird vielerorts besprochen, diskutiert und gepriesen.

Worum geht’s?

CoverKinderlandKinderland ist die autobiographisch geprägte Geschichte um den Jungen Mirco Watzke (Parallelen zu Mawils bürgerlichen Namen Markus Witzel lassen sich kaum übersehen) und ereignet sich im Herbst 1989 in Ostberlin. Der Comic erzählt dabei konsequent aus der kindlichen Perspektive von Mirco und schildert seine Erlebnisse in der Zeit, die sich bis zum Vorabend der Wende zuspitzen. Geschickt lässt Mawil im Hintergrund der Geschichte reichhaltige Details, Anspielungen auf Werbungen oder Bücher einfließen und entwirft ein plastisches Bild vom Alltag in der DDR der 1980er Jahre. Den Flair dieser Zeit trifft er dabei auch auf farblicher Ebene, die trotz der bunten Kolorierung einen latent gedeckten Ton nutzt, um wie langsam verblassende Farbfotos zu erscheinen (auf einer metareflexiven Ebene verhandelt Mawil damit auch die Prozesse des sich Erinnerns, die mit Leerstellen und Brüchen verbunden sind).

Innerhalb der Geschichte ist vor allem Mircos Perspektive zentral und konstruiert die subjektive Sicht eines Kindes auf die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse. Handlungsleitendes Element ist dabei die Begeisterung der Schüler für Tischtennis, die Auseinandersetzung mit den größeren Jungs und die Freundschaft zwischen Mirco und Torsten – die ganz normalen Probleme der Kindheit eben, die von Mawil mit viel Humor und Gespür für sensible Zwischentöne ausgestaltet werden. Dies gilt besonders auch auf sprachlicher Ebene, die einen lebendigen Umgangston trifft und klangvolle Onomatopoesien erfindet. Die Tischtennisrunden und alle damit einhergehenden Streitigkeiten, von der Doppelkonstellation bis zur richtigen Tischtenniskelle oder dem nicht mehr intakten Ball, werden zum narrativen Kern der Geschichte, die Schulhofszenen zu epischen Tischtennisschlachten ausgebaut und alles läuft schließlich auf das große Finale, das von Mirco organisierte Tischtennisturnier, zu. Unglücklicherweise ereignet sich ausgerechnet am selben Tag der Fall der Berliner Mauer und alle erzählerischen Fäden des fast 300 Seiten starken Comics verbinden sich an diesem Tag der historischen Wende. So wird in Kinderland  eben nicht nur von einer erinnerten Kindheit in der DDR der 1980er Jahre berichtet, sondern mit dem persönlichen Schicksal von Mirco sind auch Fall der Mauer und die politischen Umbrüche geschickt verwoben.

Reading Panels – Zur Livelesung

Am 6.11.2014 – also bezeichnenderweise genau in der Woche, in der auch Kinderland spielt – fand sich Mawil zu einer Comiclesung in der Galerie ‚Bernhard Knaus Fine Art‘ in Frankfurt ein, durch den Abend führte Jakob Hoffmann. Die Lesung war Teil der Reihe ‚Text@Art‘, in der regelmäßig aus Büchern und Comics vorgelesen wird. Die Besonderheit und Schwierigkeit einer Comiclesung liegt in der Darstellung von Bild- und Textebene. Gelöst wurde dies durch projizierte Bilder auf einer Leinwand, zu denen Mawil begleitend seine Dialoge selber sprach und mit einer ganz eigenen Betonung zum Leben erweckte. In dem sehr kleinen und stimmungsvollem Rahmen las Mawil dabei aber nicht nur aus seinem Comic vor, sondern erzählte ganz offen aus seinem Arbeits- und Erinnerungsprozess und beantwortete die vielen Fragen des Publikums. Die Lesung, das moderierte Gespräch und Raum zum Nachfragen seitens der Zuhörer gingen angenehm fließend ineinander über und sorgten für einen anregenden Abend, der eindrucksvoll zeigte auf welche komplexe Art und Weise das Medium Comic erzählen kann.

[Autobio]Graphisches Erzählen im Comic

Mawil gab immermawil2 wieder Einblick in seinen mühsamen Erinnerungs- und Rechercheprozess und machte deutlich, wie viele autobiographische Eindrücke in seiner Arbeit an dem Comic eingeflossen sind. Das Moment der nicht mehr greifbaren oder eventuell massiv umgebauten und verfälschten eigenen Erinnerung ist ein zentraler Reibungspunkt, den Mawil andeutete als er berichtete sich manchmal nicht mehr sicher gewesen zu sein, ob einzelne Details – wie etwa der regelmäßige Sirenen- und Probealarm am Mittwoch – korrekt seien. Dieses Spannungsfeld auch in der Erzählweise des Comics einzubauen oder auf einer Meta-Erzählebene zu reflektieren, kam für ihn dann allerdings nicht infrage, um sich auf die kindliche Perspektive fokussieren zu können. So gibt es in Kinderland auch keinen Kommentator oder rückblickenden Erzähler, der das Geschehen im Blockkasten begleitet – wie beispielsweise in Marjane Satrapis Persepolis.

Für die dramaturgische Planung und die Vorgehensweise betonte Mawil immer wieder die Nähe des Comics zum filmischen Erzählen: „Es ist nicht so geil wie nen Film, aber geiler als ein Buch“. Er zeigte, wie er sich in verschiedenen Schritten an das Storyboard, den Spannungsaufbau und die Seitenarchitektur macht, die dann in einem weiteren Schritt in Reinzeichnungen übertragen werden und schließlich ausschließlich am PC koloriert werden. Besonders großen Wert legt er dabei auf die vielen Details der erzählten Welt, wie auch die Kleidung der Figuren, um ein detailliertes Bild der DDR zu entwerfen. Wie er auf Nachfragen berichtete, hat er sich dazu diverse Ordner mit Fotos und sonstigen Ausschnitten angelegt. Diese Sorgfalt schlägt sich in der Detailfülle und den facettenreichen Panels nieder.

Deutlich wurde an dem Abend allerdings auch, dass in Kinderland zwar viele autobiographische Anekdoten aufgegriffen werden, es sich aber nicht um Mawils Autobiographie handelt. Vielmehr werden darin verschiedene Aspekte von Kindheit verhandelt und ausgestaltet, die zur Kindheitsgeschichte der DDR werden. Den Mikrokosmos der Schule nutzt Mawil dabei auch als Spiegel für die gesellschaftlichen und sozialen Prozesse in der DDR, worin die durchdachte Komplexität des Comics sichtbar wird. Mit der Wahl der kindlichen Perspektive hat sich Mawil bewusst von den sonst üblichen (und tendenziell verkitschten) Erzählformen über die Wende distanziert und lässt Mirco zunächst ausdrücklich über den plötzlichen Mauerfall verzweifeln, weil dadurch sein Turnier gefährdet wird.

Dass das Zeichnen und Comics schon immer ein wichtiger Teil in seinem Leben waren berichtet er eindringlich, denn „irgendwas mit Zeichnen als Beruf“ war schon sein Traumberuf als Kind. Das kleine Einmaleins eines Comicinterviews durfte abschließend jedoch auch nicht fehlen: Mawil bestätigte grinsend, durchaus von seinem Beruf leben zu können und kündigte an, sein nächster Comic würde sich mit Fahrrädern beschäftigen. Die Kombination von Lesung und Gespräch ergab so eine interessante Symbiose, in der Mawil offen Einblicke in die vielschichtigen Ebenen der Erzählung, seiner Reflexion der Vergangenheit und der Arbeit an seinem Comic gewährte.

Literatur

Mawil: Kinderland. Berlin: Reprodukt. 2014.

Foto: Anna Stemmann (c)

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