Ponderosa

Die drei 15-jährigen Freunde, Juri, Josie und Kris sind ein eingeschworenes Team: gemeinsam verbringen sie die meiste Zeit heimlich in einer verlassenen Hütte mitten im Stadtwald. Ihren ureigenen Rückzugsort haben sie – auf vehementen Wunsch von Josie – Ponderosa getauft. Der Name, der gleichzeitig nicht nur für den Titel des Romans Pate steht, verweist natürlich auf die Westernserie Bonanza, wie Josie auch ihren Jungs klar zu machen versucht. Dass diese selbstredend nicht wissen, wer oder was ein Bonanza ist und sie erstmal ihr Smartphone zücken müssen, offenbart die charmante Dimension der Komik, die der Roman immer wieder bedient. So wundert sich Kris beispielsweise auch darüber, dass der Vater eines Mitschülers selbst in Zeiten des Internets tatsächlich noch Porno-Hefte liest, statt seine Interessen auf einschlägigen Websites zu befriedigen.

Medias in res

Der Auftakt der Geschichte ist zunächst jedoch alles andere als lustig: unvermittelt steigt die Erzählung nach einem schweren Unfall ein. Blut ist auf einer Straße verteilt, Krankenwagen stehen dort, der Ich-Erzähler Kris ist leicht verletzt und wird von der Polizei verhört, Josie redet kein Wort mehr mit ihm und sein Freund Juri wurde mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Mit den zunächst noch diffus erscheinenden Ereignissen und vielen angeschnittenen losen Erzählfäden wird bereits am Beginn proleptisch das eigentliche Ende der Geschichte vorweggenommen. Von diesem dramatischen Höhepunkt ausgehend, schlägt der Ich-Erzähler einen zeitlichen Bogen zurück und beleuchtet schrittweise, wie es dazu kam und füllt die Leerstellen auf. Ein erzählerischer Kniff, der zum Auftakt für ordentliche Spannung sorgt und in ähnlicher Konfliktkonstellation nicht zu Letzt in Wolfgang Herrndorfs tschick Anwendung fand. In deutlicher Anlehnung daran – denn auch dort gibt es zum Beginn einen großen Unfall und ein Polizeiverhör – zeichnet in Ponderosa der Ich-Erzähler davon ausgehend die zurückliegenden Ereignisse nach. Hier steht dann jedoch kein Road Trip im Zentrum, sondern das Beziehungsdreieck der drei Freunde, das sich um die Hütte im Wald entspinnt.

Das Bermuda-Dreieck

Das grünlich-gelb verwaschene Cover ist schlicht gehalten. Neben dem Titel ist darauf am unteren Rand nur ein Schattenbild dreier Figuren zu erkennen. Bei genauerem Hinsehen offenbart deren Anordnung aber bereits das beziehungstechnische Spannungsfeld, das der Roman entfaltet: zwei der Figuren stehen sich näher, während eine sich gehend abwendet. Der farbige Hintergrund ist entsprechend nicht glatt, sondern mit einer aufgesprungenen Struktur versehen, die in dieser aufgerissenen Oberfläche auch auf die Risse im Freundschaftsgefüge hindeutet. Denn wie Kris schrittweise nacherzählt, bröckelt die einstmalige Gemeinschaft ihres Bermuda-Dreiecks erheblich. Ursache dieser Krise ist nicht nur die Ungleichheit der beiden Jungs – Juri, die Sportskanone und beliebtester Junge der Klasse und Kris als unsportlicher und ängstlicher Nerd, der sich selbst als Loserkind beschreibt –, sondern auch beider Verliebtheit in das gleiche Mädchen: Josie. Diese Konstellation beinhaltet zwar schon ausreichend Konfliktpotential, die Ereignisse verschränken sich jedoch weiter mit anderen: so verschwindet Josies Nachbar plötzlich aus seiner Wohnung, sie brechen dort ein und Kris spürt dem Verschwundenen in detektivischer Manier nach; Josies trauert um ihren verstorbenen Vater und hadert mit ihrer Mutter, die sich in Affären stürzt; eine andere Mitschülerin von Kris, Tonne, entwickelt Interesse an ihm und beliefert ihn mit weiteren Hinweisen zu dem Fall des Nachbarn; außerdem wird Kris von zwei Schlägertypen der Siedlung drangsaliert. Schrittweise laufen alle diese Fäden zusammen und treffen sich am großen Unfall wieder, womit sich der narrative Kreis schließt. Die Handlung ist dabei deutlich auf Kris und Josie fokussiert, während Juri im Hintergrund bleibt und als Figur damit eher eindimensional gezeichnet ist.

Ein erzähltes Knäuel

Ponderosa ist ein kurzweiliger Roman, dem jedoch eine etwas klarere Linie gut getan hätte. Es bleibt das Gefühl, dass zu viele Ebenen, Ereignisse und Konflikte miteinander verbunden werden sollten. So ergibt sich von allem ein bisschen, aber nichts ganz überzeugend. Einige Handlungsmomente scheinen arg zusammenkonstruiert und nicht immer schlüssig begründet; warum Juri und Kris überhaupt Freunde geworden sind und sich plötzlich wieder entfremden bleibt nicht nur dem Ich-Erzähler Kris unklar, sondern auch dem Leser. Man fragt sich unwillkürlich, was der Roman eigentlich genau erzählen möchte, denn es gibt zwar den titelgebenden Dreh- und Angelpunkt der Ponderosa, aber kein stringent entfaltetes Motiv oder Narrativ. Die Verlagshomepage bietet etwa die weitgewassten Label ‚Freundschaft‘ und ‚Echtes Leben‘ an, aber auch ein bisschen Erwachsenwerden kann man darin ausmachen und es bleibt ein Konglomerat an Ansätzen.

Die Darstellung des bösartigen Französischlehrers reiht sich ein in die bekannte Überzeichnung dieses Figurentyps; ein differenzierteres Lehrerbild würde vielen aktuellen Jugendromanen gutstehen (diese Gestaltung findet sich im Übrigen in tschick wieder, auch wenn es dort der Mathelehrer ist, der die Protagonisten piesackt). Angenehm unaufdringlich und gelungen ist hingegen die innerdiegetische Mediennutzung: völlig selbstverständlich sind Smartphones, Tablets und PCs integriert und deren Einsatz plausibel. Neben dem titelgebenden Rekurs auf die Fernsehserie Bonanza formen weitere intermediale und intertextuelle Verweise die erzählte Welt aus und erzeugen einen plastischen Erzählkosmos einer aktuellen Jugendkultur, in dem man jedoch auch eintauchen kann, wenn man nicht alle Hinweise entschlüsselt.

Literatur

Sieben, Michael: Ponderosa. Hamburg: Carlsen 2016.

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