Pubertätsfilter, Erotik und Stereotype

Die inneren Werte von Tanjas BH

In dem Film Mädchen, Mädchen von 2001 gibt es eine herausragende Szene. Die 18 Jährige Inken fährt Fahrrad. Von der Reibung des Fahrradsattels wird sie bald so erregt, dass sie sich zu einem Orgasmus hochschaukelt, den sie dann,die Arme fest geschlungen um einen Mast, auch laut stöhnend hat.

Brüste

Wie diese Filmszene darf man sich Die inneren Werte von Tanjas BH vorstellen – nur ohne Orgasmus.  Das Buch, schon 2013 erschienen, handelt von den letzten Schultagen vor den Ferien und einem Sommerurlaub in Dänemark. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des 13-Jährigen Ben. Der steht auf Tanja, oder besser gesagt auf Tanjas Brüste, und möchte mit ihr zusammenkommen, oder besser gesagt, ihre Brüste anfassen. Das wird jedoch nichts, denn statt wie erhofft die Ferien am Baggersee zu verbringen und dort mit den Fingern Eis von Tanjas „geilen Brüsten“ zu wischen, fahren die Eltern mit ihm nach Dänemark. Felix, sein bester Kumpel, will so lange aufpassen, dass sich keiner an Tanja ranmacht. (Felix kommt dann natürlich mit Tanja zusammen.) In Dänemark trifft Ben Viola, das Mädchen aus dem Ferienhaus nebenan.  Deren „Haut glitzert in der Sonne, ihre Brustwarzen zeichnen sich unter dem Badeanzug ab, ihre Locken ringeln sich nass auf ihrer Schulter“ und so wird Viola Bens neues Objekt der Begierde.

Reibung

Der Roman ist pfiffig und kurzweilig geschrieben und zunächst auch unterhaltsam. Bens Fokus auf die ‚Inneren Werte‘ der Frauen ist in einem Maße überzogen gezeichnet, dass eine lockere Atmosphäre entsteht. Man kann über Ben lachen, gerade dann, wenn er aufgrund seines eklatanten Egozentrismus Situationen falsch einschätzt; wie etwa, wenn er sich einbildet, die Mädchen seiner Wahl würden vor Sehnsucht nach ihm vergehen. Auch die unrealistische Einschätzung der erotischen Ausstrahlung seines eigenen Körpers lädt zum Lachen ein.
Bedauerlicherweise gibt der Roman diese Strategie aber nicht auf, um in irgendeiner Form Charakterentwicklung aufzuzeigen oder einen Punkt zu machen. Bis zuletzt ist alles Reibung für Bens Geschlechtstrieb. Die ganze Zeit befindet man sich auf dem Fahrrad und darf miterleben wie Ben versucht zu seinem Höhepunkt zu kommen. Entsprechend gibt es kaum Dialoge. Brüste und Nippel regieren sein Innenleben und die Handlung und sind Anstoß für elaborierte, erotische Abschweifungen und Wunschvorstellungen. Selbst noch auf den letzten Seiten des Buches fängt er mitten im Unterricht hörbar zu stöhnen an, als er an die nackten Oberschenkel einer Frau denkt, die den 13-Jährigen Jungen im Urlaub gebeten hatte, sie einzucremen. Dies macht das Buch zum Ende hin langweilig und auch ein wenig ärgerlich. Denn teilweise wirkt die gewählte Erzählperspektive wie ein Sicherheitsnetz, das es erlaubt, ganz viele Sachen zu tun, ohne die aber dann so zu meinen.

Mädchenbilder

Ben wird vom Roman dezidiert als nicht ernstzunehmender Sexist präsentiert. Die Darstellung von Frauen soll nicht ernstgenommen werden, ist ganz klar als pubertäre Überzeichnung zu lesen, so die eindeutige Botschaft.  Dennoch kommt man nicht umhin zu fragen, ob das wiederholte Abdriften ins Erotische nicht dennoch genau das Gegenteil bewirkt. Der Fokus auf elaborierte Beschreibungen der jungen, meist halb nackten, Mädchenkörper ist trotz markierter Überspitzung genau das: zeitschriften- oder musikvideoartige Erotik für junge, männliche oder weibliche LeserInnen. Da Bens Darstellung auch keine weiteren Perspektiven an die Seite gestellt werden, und Ben keine sichtbare Entwicklung durchmacht, bleiben die ‚Pin-Up Versionen‘ der beiden Mädchen im Raum stehen, ohne durch Figurenrede oder andere Beschreibungen gebrochen zu werden. Bis zum Schluss ist es nicht wirklich möglich zu sagen, ob Tanja oder Viola nun außer ihren Brüsten besondere, innere Werte haben. Geredet wird im Roman generell sowieso nur über Frauen, nicht aber mit ihnen, so dass auch über Gespräche kein facettenreicheres Bild von Mädchen entstehen könnte. In den wenigen Momente in denen weibliche Figuren zu Wort kommen, sind diese überemotional, wie Bens Mutter die ständig anfängt zu weinen, wenn Ben ihr widerspricht, oder hysterisch wird, wenn er auf Parties möchte, oder peinlich, wie Tanja, die ein kitschiges Liebesgedicht vorliest, in dem sie Felix ihren „Knuddel-Teddybär“ nennt. Sicher sind auch diese Momente durch Bens Brille beschrieben, dennoch verfestigt sich dadurch die Tatsache, dass im Roman keine ernstzunehmende Darstellung von Mädchen und Frauen versucht wird.

Belohnt wird Ben am Ende dennoch, trotz Sexismus und Oberflächlichkeit. Eric der Surflehrer verrät Ben noch im Urlaub, dass Viola ihn mochte und gerne mit ihm zu einer Strandparty gegangen wäre. Und so fügt es das Schicksal schließlich auch, dass Viola nach den Ferien neu in Bens Klasse kommt.

Das Poster

Mit dem Roman liTanjasBH_Plakatefert Oetinger zudem ein Poster auf dem Viola und Ben zu sehen sind. Ist die fehlende Entwicklung des Protagonisten und der Fokus auf die erotisierte Darstellung von Mädchen im Roman ein Problem, so stellt das Poster ein noch viel Größeres dar. Wo der Roman ganz klar versucht, Ben als unzuverlässigen, von Hormonen getriebenen Erzähler zu präsentieren, fällt dies beim Poster weg. Hier bleibt alleine Bens Sprachduktus über, der, ohne die Charakterzeichnung, einfach sexistisch wirkt. Zwar sind die Bezeichnungen eindeutig einseitig und über die Terminologie als machohaftes ‚Gehabe‘ markiert. Dennoch lässt sich der Junge hier nicht als der Erzähler erkennen. Wer diese ‚Anatomie‘ der Jugendlichen gemalt hat und wie sie in Bezug zum Roman steht geht aus der Zeichnung nicht hervor. Was bleibt ist ein Poster von Oetinger auf dem ein angezogener Junge gezeigt wird, der als schlau und cool präsentiert wird, und ein Mädchen im Bikini, das hohl und schönheitsvernarrt zu sein scheint und Jungs mit ihren Brüsten ‚verwirrt‘. Selbst intendierte Ironie zwingt nicht dazu, dass nur das Mädchen Haut zeigen muss. Auch basiert der Humor des Romans auf einer Diskrepanz zwischen dem was Ben denkt oder sagt und dem was passiert und ist. Wie etwa, wenn Ben von seinem „gestählten“ Körper spricht, eine Selbsteinschätzung die von Erics Bemerkungen über Bens Körper demaskiert wird. Ein ‚Hemd‘ in Badehose mit dem Pfeil, ’stählerner Körper‘ wäre hier also ebenso möglich gewesen und hätte den Ton des Buches wesentlich besser umgesetzt.

Was diese schematische Darstellung des Plakats wunderbar hervorhebt, ist die unterschwellige Problematik des Romans. Denn obwohl alles locker und spaßig gedacht sein soll, basiert der Witz am Ende auf erotisierten Frauenkörpern und stereotypen Ideen vom Innenleben pubertierender Jungen, die ’nur mit dem Schwanz denken‘ und sonst eher weniger ihr Gehirn bemühen. Dem Buch hätte der Versuch einer einigermaßen ernstgemeinten Figurenentwicklung wohl gut getan. So soll einfach viel gelacht werden, und man fragt sich am Ende, ob das denn alles zum Lachen ist.

Bibliographie

Haas, Alex: Die inneren Werte von Tanjas BH. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 2013.

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