Jay Ashers: „Thirteen Reasons Why“ (dt.: „Tote Mädchen lügen nicht)

Es scheint völlig unerklärlich, dass dieses im Jahr 2007 in den USA erschienene Buch einen solchen Höhenflug erleben durfte bzw. darf: millionenfach verkauft und bald mit Selena Gomez in der Hauptrolle verfilmt. Weder stilistisch noch inhaltlich scheint dieser Erfolg gerechtfertigt. Natürlich, es wird ein heikles Thema angesprochen und vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Tabuisierung des Selbstmords von Jugendlichen ist klar, dass auch die didaktische Komponente nicht fehlen darf, was beispielsweise durch die Leserkommentare auf der Homepage des Werks deutlich wird. Hier wird immer wieder angesprochen, dass das Buch der jugendlichen Leserschaft die Augen geöffnet hat und diese sich nun mehr Gedanken darüber macht, wie unbedacht ausgesprochene Worte auf Andere wirken können und dass man nie sicher sagen kann, was im Inneren einer Person vor sich geht.

Doch nicht nur, dass die Probleme der Protagonistin Hannah objektiv betrachtet höchstens als marginal bezeichnet werden können, die Konzeption der Figur scheint absolut unschlüssig. Denn ihr ausgeprägtes Mitteilungs- und Anklagebedürfnis, das darin deutlich wird, dass sie vor ihrem Selbstmord mehrere Kassetten aufnimmt und diese all denjenigen Menschen zukommen lässt, die sie für ihren Tod verantwortlich macht, damit diese aus ihrem Mund hören können, was sie falsch gemacht haben, lässt die Frage aufkommen, warum sie nicht schon früher von diesem Bedürfnis Gebrauch gemacht hat, um auf Dinge, die sie stören aufmerksam zu machen. Überdies stellt die ausführliche Erklärung für die Motivation ihres Selbstmords eine Bruchstelle dar, die der Komplexität des Suizid-Phänomens durchaus nicht gerecht wird. So scheint es, als nehme sich Hannah aus reiner Rachelust das Leben, womit die von Spranger formulierte Bemerkung: „Die innere Verkrampfung kann schon im Jugendalter so weit gehen, dass Selbstmord geübt wird, nur aus Lust an der Vorstellung der Qual, die einem anderen dadurch bereitet wird. Das geknickte Selbstgefühl greift nach jedem Ersatz, der einen Teil des Erstrebten zu retten gestattet, koste es, was es wolle.“ (Spranger, S. 55) auf die Spitze getrieben wird. Prinzipiell scheint ein Selbstmord immer durch eine gewisse Rücksichtslosigkeit gegenüber den Verwandten und Bekannten geprägt zu sein, die ratlos zurück gelassen werden, doch durch die Figur der Hannah wird diese Rücksichtslosigkeit ins geradezu Groteske gesteigert. Festzuhalten bleibt, dass die Intension dieses Texts offensichtlich nicht darin besteht, der Komplexität des Akts an sich gerecht zu werden. Er scheint lediglich darauf abzuzielen, die jugendliche Leserschaft hinsichtlich der Tragweite zwischenmenschlichen Verhaltens zu sensibilisieren. Warum ein so überzogener und didaktisch aufgeladener Text einen solchen Anklang erfährt, scheint unerklärlich.
Ebenso unerklärlich scheint es, dass ein durchaus gelungenes Gegenbeispiel kaum wahrgenommen zu werden scheint. Nicht nur, dass Tobias Elsässers Roman: „Für niemand“ wesentlich anspruchsvoller und schlüssiger konzipiert ist als Aschers Text, er schafft es sogar der Komplexität des Suizid-Phänomens Rechnung zu tragen. Elsäßer lässt den Leser die Kommunikation dreier Jugendlicher verfolgen, die sich in einem geheimen Chatroom zum gemeinschaftlichen Suizid verabreden. Zwischenzeitlich wird aus unterschiedlicher Perspektive beleuchtet, welche Auswirkungen der (versuchte) Selbstmord auch auf ungewollt Beteiligte, wie beispielsweise einen S-Bahn-Fahrer hat. Die didaktische Komponente fehlt glücklicherweise weitestgehend, sodass der Blick auf die Komplexität des Phänomens an sich gerichtet werden kann. Eläßer nähert sich diesem komplexen Thema aus unterschiedlicher Perspektive und ermöglicht es dem Leser, verschiedene Facetten des Suizids kennen zu lernen.
So könnte man nur mutmaßen, dass es der fehlende didaktischen Komponente geschuldet sein könnte, dass dieser Text, ebenso wie das Phänomen an sich tabuisiert wird. Ein Missstand, den man in beiden Fällen überdenken könnte.

Literatur

Asher, Jay. Thirteen Reasons Why. London: Penguin, 2009.

Elsäßer, Tobias. Für niemand. Mannheim: Sauerländer, 2011.

Spranger, Eduard. Psychologie des Jugendalters. (26. Aufl.) Heidelberg: Quelle & Meyer, 1948.

Über Iris Schäfer

Iris Schäfer ist Lehrbeauftragte und Doktorandin am Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Sie studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften und Germanistik in Frankfurt und London. Aktuelle Forschungsschwerpunkte sind literarische Adoleszenz- und Krankheitsdarstellungen.

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