Roll Inclusive

Diversity und Repräsentation im Rollenspiel

Pen and Paper Rollenspiele sind Erzählspiele, die bereits mit verhältnismäßig wenigen Hilfsmitteln realisiert werden und in denen prinzipiell jede Geschichte erzählt werden kann, die denkbar ist. Man könnte daher meinen, dass das Hobby des Rollenspiels ausgesprochen divers und inklusiv sein sollte. Der Essay-Band Roll Inclusive nimmt sich diesem Thema an und zeigt dabei, dass im Pen and Paper zwar sehr viel Potential für Diversität und Repräsentation liegt, dass dieses Potential aber längst nicht ausgeschöpft wird und viele Settings, Regelwerke und Spielpraxen im Gegenteil Gefahr laufen, zu marginalisieren, auszugrenzen und Stereotype zu bekräftigen.

Um den Bedarf aufzuzeigen, zählt Frank Reis in seinem einleitenden Überblick Beispiele populärkultureller Medien auf, in denen die Hauptfigur nicht weiß, männlich und heterosexuell ist, wie der Film Black Panther, die Serie Jessica Jones oder das Videospiel Horizon: Zero Dawn. Auch im Bereich des Rollenspiel gibt es (Indie-)Herausgeber und (Indie-)Systeme, welche ein besonderes Augenmerk auf Diversität setzen. All diese Nennungen seien jedoch Ausnahmen, die noch viel zu selten auftreten würden (S. 11). Der vorliegende Band lenkt den Blick daher auf die Repräsentation marginalisierter Gruppen im Rollenspiel, sowohl innerhalb von Spielwelten, als auch am Spieltisch selbst. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt die Breite des Themas: von Klischees und Stereotypen geht es über rassismuskritisches Handeln, Othering, die Repräsentation von Geschlechtervielfalt bis hin zu psychischen Auffälligkeiten, Barrierefreiheit und viele andere Aspekte. Hier werden einige Ausschnitte des Bandes ohne Anspruch auf eine vollständige Rezension genauer betrachtet.

Die Vielfalt fantastischer Welten

Aus einer subjektiven Perspektive kann man die Frage stellen, ob Rollenspiel als eigenes Hobby wirklich kritisch analysiert werden muss. Kann eine private Pen and Paper Runde nicht einfach nur unpolitisch eskapitische Fantasien ausleben, wie auch immer es um ihre Diversität bestellt ist?

Lena Falkenhagen und Karsten Voigt erklären in ihrem Beitrag zu politischen Dimensionen des Rollenspiels anschaulich, warum diese Sichtweise zu kurz greift. Viele Rollenspiele haben ein deutlich erkennbares politisches Setting, wie zum Beispiel die humanistische Welt, in der Gene Roddenberrys Star Trek angesiedelt ist. Aber auch in eher generisch gehaltenen Fantasy- oder Science-Fiction-Welten sind Darstellungen niemals unpolitisch, seien es mehrheitlich männliche Helden, unkritischer Feudalismus oder Dämonisierung nicht-menschlicher Rassen und Spezies (S. 69f). Sich nicht mit dieser Dimension auseinanderzusetzen, verstärkt herrschende Stereotype: „Im Rollenspiel reproduzieren wir am Spieltisch oft die Machtstrukturen und Mechanismen, die unsere Gesellschaft verinnerlicht hat.“ (S. 71). Allein die Reflexion dieser Strukturen kann dabei helfen, sie aufzubrechen, sei es mittels kritischer Auseinandersetzung innerhalb der Spielwelt oder bei der Kreation der Welt vor Beginn der eigentlichen Erzählung.

Auch Elea Brandt weist in ihrem Beitrag zu kultursensiblem Weltenbau auf die Verantwortung hin, die Spielleiter*innen bei der Ausgestaltung ihrer Erzählungen haben:

„Je häufiger wir mit Stereotypen bestimmter Personengruppen konfrontiert sind, desto eher sind wir bereit, diese zu glauben und in die Realität zu übertragen. Das gilt nicht nur für reale Kontexte, sondern auch für Fiktion.“

Brandt 2019, S. 214.

Um das Rollenspiel auch im Privaten zu diversifizieren, gelte es also, bewusst gegen Stereotype anzugehen. Nur so ließe sich sicherstellen, dass das Hobby allen Beteiligten Spaß mache, unabhängig von eventuell real erlebten Diskriminierungserfahrungen der Mitspieler*innen. In Brandts Essay werden vier Tools besprochen, die bei einem bewusst repräsentativen Weltenbau helfen sollen: Bewusstsein für das Thema schaffen, gute Recherche, Verbündete mit Erfahrung zum Setting und Kreativität, die erlaubt, sich von ausgetretenen Stereotypen zu entfernen (S. 219-224).

Diskriminierung als Teil der Erzählung

Die Autor*innen von Roll Inclusive verlangen keineswegs, ausschließlich Settings und Spielrunden frei von Diskriminierungen zu kreieren. Viele Aufsätze weisen darauf hin, dass die bewusste Thematisierung von Diskriminierungserfahrungen ein spannender und der Reflexion zuträglicher Ansatz sein kann. Aşkin-Hayat Doğan, Frank Reiss und Judith Voigt benennen in ihrem Beitrag zur Intersektionalität von Charakteren zwei mögliche Ebenen intersektionaler Repräsentation:

„Zum einen sind im Rollenspiel Charaktere möglich, die im Setting des Spiels intersektional diskriminiert werden. Zum anderen bietet Rollenspiel aber auch die Möglichkeit, einen Charakter zu verkörpern, der in unserer Welt intersektional diskriminiert würde, es aber in der Rollenspielwelt nicht ist.“

Doğan / Reiss / Vogt 2019, S. 187.

Beide Ansätze können zu guten Erzählungen im Rollenspiel führen, solange man sie bewusst erzählt und spielt. Weder ist einer Spielgruppe damit geholfen, wenn die erzählte Welt keine glaubhafte Erklärung dafür liefert, warum es keine Diskriminierung gibt, noch gewinnt die Runde dadurch, wenn Erfahrungen von Ausgrenzung als plattes Stereotyp dargestellt und nicht kritisch hinterfragt werden.

Einen weiteren Ansatz, Spielwelten und ihre Charaktere hinsichtlich ihrer Diversität zu überdenken, liefert Oliver Baeck mit einer psychologischen Sichtweise. Er erklärt, dass typische Rollenspiel-Helden in unserer Welt als psychisch auffällig gelten würden, mit Diagnosen wie zum Beispiel Narzissmus (S. 135f). Wenn Charaktere jenseits der alltagsweltlichen Norm der Normalfall der erzählten Welten sind, liegt es nahe, sich mit deren Wesen auseinanderzusetzen. Hat der strahlende Ritter eventuell Momente, in denen ihn selbst in einem Fantasy-Setting die restliche Gesellschaft ausgrenzt, zum Beispiel in friedlichen Zeiten? Solch ein Bruch mit dem typischen Narrativ bietet die Chance für eine interessante Erzählung und sorgt für eine breitere Repräsentation.

Wohlfühl-Rollenspiel

Festzuhalten bleibt, dass Rollenspiele ideale Orte für Inklusion und Repräsentation sein können, es aber viel zu oft nicht sind. Um das Hobby zu einem Wohlfühl-Ort für alle Spieler*innen zu machen und Eintrittshürden zu senken, müssen alle Seiten aktiv werden. Alle Beiträge von Roll Inclusive betonen, dass es für Runden wichtig ist, einen Konsens über die Erzählung auszuhandeln. Dabei soll man so wenig Vorannahmen wie möglich stillschweigend voraussetzen, denn selten ist jedes Tabu aller Spielenden bekannt. Während des Lesens wirkt diese Aussage repetitiv, denn meist ist das Fazit, sich aktiv und sensibel mit dem Subthema auseinanderzusetzen. Da aber jeder dieser Beiträge aufzeigt, wo Nachholbedarf herrscht, verwundert es nicht, wenn das Plädoyer für aktiv gelebte Verantwortung zu einem Mantra wird.

Der Sammelband bietet nicht nur eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Rollenspiel, sondern auch praktische Tipps und Spielhilfen. Lena Richters Beitrag liefert in Form eines Toolkits beispielsweise verschiedene Spielhilfen und Nano-Games, die Diversität und unterschiedliche Repräsentationen in den Vordergrund rücken. Die Aufforderung, als Akteure im Hobby selbst aktiv auf Diversifizierung zu achten, wird durch diese Tools sinnvoll unterstützt.

Roll Inclusive richtet sich an alle Menschen, die sich intensiver mit Rollenspielen und ihren politischen Dimensionen auseinandersetzen wollen. Der Band kann Spieler*innen und Spielleiter*innen gleichermaßen empfohlen werden, ein Mehrwert für eigene Pen and Paper Abenteuer wird sich sowohl bei neuen als auch erfahrenen Akteuren einstellen.

Literatur

Brandt, Elea (2019): Endboss Kulturklischee. In: Doğan, Aşkin-Hayat / Reiss, Frank / Vogt, Judith (Hrsg.): Roll Inclusive. Diversity und Repräsentation im Rollenspiel. Köln: Feder und Schwert, S. 210-227.

Falkenhagen, Lena / Voigt, Karsten (2019): Nur einen Würfelwurf voneinander entfernt. Die politische Dimension des Rollenspiels. In: Doğan, Aşkin-Hayat / Reiss, Frank / Vogt, Judith (Hrsg.) (2019): Roll Inclusive. Diversity und Repräsentation im Rollenspiel. Köln: Feder und Schwert, S. 64-80.

Doğan, Aşkin-Hayat / Reiss, Frank / Vogt, Judith (Hrsg.) (2019): Roll Inclusive. Diversity und Repräsentation im Rollenspiel. Köln: Feder und Schwert.

Reiss, Frank (2019): Wofür wir eine bessere Repräsentation von Vielfalt im Pen & Paper-Rollenspiel brauchen. In: Doğan, Aşkin-Hayat / Reiss, Frank / Vogt, Judith (Hrsg.): Roll Inclusive. Diversity und Repräsentation im Rollenspiel. Köln: Feder und Schwert, S. 9-29.

Richter, Lena (2019): Toolkit – Werkzeuge für mehr Diversität im Rollenspiel. In: Doğan, Aşkin-Hayat / Reiss, Frank / Vogt, Judith (Hrsg.) (2019): Roll Inclusive. Diversity und Repräsentation im Rollenspiel. Köln: Feder und Schwert, S. 279-311.

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