Shackletons Reise

Expedition zum Südpol

1914 machte sich Ernest Shackleton mit seiner Mannschaft auf die große Reise, erstmals den Südpol zu durchqueren. Genau dieser Expedition hat sich William Grills Bilder-Sachbuch – zu der Genreeinordnung gleich mehr – verschrieben und zeichnet titelgebend Shackletons Reise nach. Das atmosphärische Cover stimmt auf die folgende Erzählung ein: im Zentrum ist die Figur Shackletons verortet, um die herum sich wie in einem Mosaik verschiedene Elemente anlagern. An diesem Muster orientiert sich dann auch die eigentliche Handlung und führt zunächst in die biographischen Eckdaten des Seefahrers ein. Bereits die erste Doppelseite macht dabei deutlich, dass eine eigenständige Bildästhetik und informative Texte gleichberechtigt nebeneinanderstehen und sich überzeugend verweben. Denn Shackleton wird nicht nur im Textteil umfassend vorgestellt, sondern im Ganzkörperportrait auf der gegenüber liegenden Seite prominent ins Bild gesetzt. Der Zeichenstil ist aber bewusst kein sachlich-klarer, sondern ein ästhetisch kraftvoller, der mit Zuspitzungen und Reduktionen arbeitet.

Bild-Text-Interdependenzen

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(c) William Grill / dt. Ausgabe NordSüd 2015

Es folgen nach der Exposition konsequent solche ebenso kurzen Kapitel mit jeweils zweiseitigem Umfang, die sich einem spezifischen Teil der Reise widmen und chronologisch entfalten – von der Finanzierung und Rekrutierung, über das Festsitzen im Packeis bis hin zur dramatischen Rettung und Rückkehr. Das simple Schema und Grundgerüst wird jedoch geschickt durch ein variantenreiches Spiel mit den Verbindungen aus Bild und Text aufgebrochen: jede Doppelseite ist anders aufgebaut, Bild und Text stets unterschiedlich arrangiert und diese Verbindungen unterstreichen über die bildsprachlichen Mittel subtil den Inhalt des Kapitels. So wird der Moment des Auslaufens des Schiffes mit einem großen doppelseitigem Bild bedacht, das lediglich von einem knappen Text begleitet ist – dieser steht dabei nicht separiert daneben, sondern ist direkt im Bildraum platziert. Die neutrale Information – „Die Endurance nahm am 8. August 1914 Kurs auf Buenos Aires, nachdem ein Telegramm der Admiralität mit dem knappen Befehl ‚Auslaufen‘ eingetroffen war“ (S. 21) steht in deutlichem Kontrast zu der im Bild transportierten Euphorie und begeisterten Aufbruchsstimmung und erzeugt ein intensives Spannungsfeld, in dem sich auch das gesamte Buch stetig bewegt.

Zwischen faktualem und fiktionalem Erzählen

Denn Shackletons Reise trägt den eindeutigen informativen Duktus eines Sachbuchs: detailliert werden die wichtigsten Fakten der Expedition aufgeblättert und faktisch korrekt dargestellt – entsprechend bietet das Glossar am Ende etwa auch einen Überblick der wichtigsten Begriffe rund um das Thema Seefahrt. Dieser Modus des faktualen Erzählens verschränkt sich jedoch immer wieder mit – und insbesondere über die Bildebene transportierten – fiktionalisierenden Strategien, die vor allem das abenteuerhafte Moment der Reise ausgestalten. Die Bildästhetik hebt sich nämlich von einem faktualem Duktus ab und entwirft eine wunderschöne eigene Erzählweise, über die der eigenständige Wert der Zeichnungen betont wird: diese sind eben nicht nur Mittel zum Zweck, nämlich die Inhalte des Sachbuchs begleitend zu vermitteln, sondern eigenständiger narrativer Bestandteil. Die facettenreichen Seitenarrangements und divergierenden Bild-Text-Interdependenzen verdichten dieses Gefüge zusätzlich und lassen den Band angenehm aus dem herkömmlichen Rahmen fallen.

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(c) William Grill / dt. Ausgabe NordSüd 2015

Gleichzeitig reiht sich das Bilderbuch durchaus in einen gegenwärtigen Trend zur Hybridisierung von faktualem und fiktionalem Erzählen ein, das insbesondere auch im Comic (vgl. Stemmann 2015) zu beobachten ist: die tradierten Genregrenzen lösen sich zunehmend auf und bringen innovative Erzählformate hervor. In diesem Fall eben ein Bilder-Sachbuch. Wie auch immer man es klassifizieren und einordnen möchte: Grill hat mit Shackletons Reise ein wundervolles Werk vorgelegt, das zum Erkunden der Antarktis einlädt – am besten immer wieder, um alle liebevollen Details entdecken zu können. Denn diese sind auch nach mehrmaligem Lesen noch nicht erschöpft.

Literatur

Grill, William: Shackletons Reise. Zürich: NordSüd 2015.

Stemmann, Anna: Gezeichnete Umwelt. Übergänge von faktualem und fiktionalem Erzählen in der Graphic Novel. In: kjl&m 3/2015, S. 69–77.

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