Sick [sic!?] – Tagungsbericht

Vom 11.4. bis zum 12.4.2014 fand an der Goethe Universität Frankfurt der erste von Doktoranden des Instituts für Jugendbuchforschung organisierte Workshop statt. Zu dem Thema „Krankheit in kinder- und jugendliterarischen Medien“ waren WissenschaftlerInnen aus unterschiedlichen Disziplinen und Ländern eingeladen, woraus sich ein facettenreiches und spannendes Programm ergab.

Das Organisatorenteam, Agnes BLÜMER, Iris SCHÄFER und Anika ULLMANN, sorgte für einen perfekten Ablauf und eine sehr angenehme und konstruktive Arbeitsatmosphäre, die von regem Austausch geprägt war. In den Fokus rückten sowohl verschiedene historische Epochen, Entwicklungen, Konstanten und Umbrüche, als auch mediale Erzählformen und -räume im Kontext der Darstellungen von Krankheit. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass dem Thema Krankheit in der Kinder- und Jugendliteraturforschung bisher noch wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde, so dass dieser Workshop auch einer ersten Bestandsaufnahme glich.

Nach einführenden Worten des Institutsleiters Hans-Heino EWERS, eröffnete Jean WEBB die Vortragsreihe mit ihrer Keynote „The state of Health in Literature for Children and Young Adults: An Interdisciplinary Case Study“ und stellte einen ambitionierten interdisziplinären Forschungsansatz vor, an dem sie als Literaturwissenschaftlerin gemeinsam mit der Historikerin Alysa LEVENE arbeitet. Ziel des Projekts ist es, die Darstellung von Krankheit im jeweiligen historischen Zeitrahmen zu betrachten und das Zusammenwirken von kulturellem Kontext und literarischer Umsetzung zu analysieren. Sie zeigte in einem historischen Abriss die literarischen Bilder von Kindheit seit 1840 bis zur Gegenwartsliteratur und wies spezifische Narrative in der Darstellung von Krankheit und Gesundheit nach; spannenderweise wurde bei der Betrachtung des jeweiligen historischen Entstehungskontext der Erzählungen – also dem tatsächlichen medizinischen Zustand – und der Darstellung in der Literatur eine divergierende Spannung sichtbar. Webb und Levene haben dafür die Kategorien ‚policy child‘ und ‚literary child‘ vorgeschlagen, um diese Differenzen zu erfassen.

Sic1Ausgehend von diesem umfassenden historischen Überblick (der dabei insbesondere auf englische Literatur fokussiert war), folgten spezifische Einzelstudien, die nicht nur unterschiedliche kulturelle Kontexte, sondern auch mediale Darstellungsformen untersucht haben. So widmete sich Robin SCHMERER der amerikanischen TV-Serie Glee und dem darin dargestellten Mikrokosmos einer High School im Hinblick auf die Darstellung von ‚Otherness‘ und konnte zeigen, dass die Serie eine Vielfalt von ‚Andersartigkeit‘ auf verschiedenen Ebenen entwickelt; die Serie aber durchaus auch kritisch im Hinblick auf diese Darstellung rezipiert wird. Alain SONYEM untersuchte die aktuelle deutsche kinder- und jugendliterarische Afrikaliteratur und wies spezifische Inszenierungsformen von Krankheiten nach, die insbesondere von einer europäischen Blickweise geprägt sind und vermeintlich darauf abzielen, Mitleid zu erregen.

Ashley WILSON betrachtete im Zeitraum des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts nordamerikanische Erzählungen, die plötzlich bewegungsunfähige adoleszente Protagonistinnen aufweisen. Sie erfasste dieses wiederkehrende Narrativ als ‚Bed-Stage‘ und veranschaulichte, dass in dieser Krankenphase das Bett zur zentralen Bühne der Figuren und erzählerischer Faktor wird. Einem ganz anderen Medium des Erzählens widmete sich Linda NESBY; sie untersuchte die Form des ‚Illness Blog‘, als Ort eines öffentlichen Schreibens von Krankheit betroffener Personen (insbesondere Jugendlicher) im Internet. Deutlich wurde dabei, dass in dieser nichtfiktionalen Form, die unmittelbar und für jeden zugreifbar ist, ein großes Potential liegt. Denn in der sonst isolierten Phase einer Krankheit eröffnet sich dadurch die Möglichkeit zu sozialer Kommunikation, was entlastend wirken kann. Zentral wird die Interaktion zwischen Schreiber und Leser, die aber durchaus auch kritische Kommentare evoziert und dazu anregt, das Verhältnis von öffentlichem und privatem Umgang mit Krankheit zu reflektieren.

Der erste Tagungstag wurde mit einem Vortrag von Katharina FÜRHOLZER beschlossen, die eine Relektüre des Lindgren Klassikers Die Brüder Löwenherz unter medizin-ethischen Aspekten vorstellte. Sie zeigte, wie über die literarische Darstellung Kinder als besonders schutzbedürftige Patienten inszeniert werden und diskutierte die Vorstellungen von kindlicher Aufklärung und selbstständiger Entscheidungskompetenz oder Recht auf Nichtwissen in diesen existenziellen Grenzsituationen des Lebens und bot damit eine gänzlich neue Lesebene des Stoffes an.

Am zweiten Tagungstag widmete sich Anna STEMMANN der Darstellung und Funktion von Räumen in der Phase der Adolszenz und zeigte am Beispiel von Nils Mohls Es war einmal Indianerland die krisenhaften Dimensionen und Störungen dieser Entwicklungsphase auf, die eng mit einem topographischen Rahmen verbunden sind. Nora STIES erweiterte den überwiegend literatur- und medienwissenschaftlich geprägten Zugriff auf das Thema um eine linguistische Perspektive und zeigte wiederkehrende sprachliche Muster in Bilderbüchern, die sich mit dem Thema Behinderungen auseinandersetzen und sensibilisierte für einen reflektierten Umgang mit der eigenen Sprache.

Iris SCHÄFER untersuchte zwei aktuelle jugendthematisierende Texte und konnte zeigen, dass das Konstrukt ‚Hysterie‘ immer noch wirkmächtig ist, in verschiedenen ästhetischen Verfahren aufgegriffen und insbesondere mit der Phase der Adoleszenz verschaltet wird. Sie verwies dabei auf eine zentrale Umdeutung, denn in beiden vorgestellten Texten (Spinner von Benedict Wells und Abspringen von Tobias Elsäßer) sind die Protagonisten männlich, während das Krankheitsbild der Hysterie in seinem historischen Ursprung weiblich konnotiert war. Der zweite Tag wurde beschlossen mit einem Vortrag von Jonas NESSELHAUF und Markus SCHLEICH, die auf das subversive Potential der Fernsehserie Die Simpsons hinwiesen, in welcher der Themenkomplex von Krankheit differenziert aufgegriffen wird. Sie widmeten sich insbesondere der Figur des Mr. Burns und deuteten diese als symbolische Figuration undKritik an einem krankenden kapitalistischen System.

Deutlich wurde im Verlauf der anregenden Tagung, dass der Komplex Krankheit in vielfältigsten Dimensionen in kinder- und jugendliterarischen Medien verhandelt wird und dabei nicht nur als Handlungsthema auftritt, sondern spezifische ästhetische Erzählweisen evoziert und immer wieder auch als Metapher und Motiv eingesetzt wird. So wurde etwa besonders auf eine Verbindung der Adoleszenz als Krankheitsphase hingewiesen, die als Abweichungsnarrativ in verschiedenen historischen Kontexten ausgestaltet wird.

In der finalen Abschlussdiskussion wies Anika ULLMANN auf drei zentrale Tendenzen hin, die sich in den vorangegangen Tagen abzeichneten: die Kategorie des Raumes spielt in seinen verschiedenen Formen – sei es als erzählter Raum, wie etwa der High School oder als medialer Erzählraum des Internetblogs – eine wichtige Rolle und eröffnet weitere ertragreiche Perspektiven, an die es bei weiteren Forschungen anzuknüpfen gilt. Des weiteren ist das Spannungsfeld von Fiktion und Faktendarstellung relevant, das verschiedene Diskurse vernetzen kann, aber auch die unterschiedlichen Funktionen von Kinder- und Jugendliteratur streift. Abschließend wurde festgehalten, dass insbesondere der Umgang mit Begrifflichkeiten bzw. die Differenzierung zwischen Krankheit und Behinderung einer weiteren dezidierten Auseinandersetzung bedarf.

Die Tagung wurde somit zu einem ergiebigen Arbeitstreffen, das durch das internationale Teilnehmerfeld, die anregenden Diskussionen und konstruktiven Denkanstöße zum weiteren Erforschen des Feldes einlädt.

 

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