Sophie auf den Dächern

Ein Buch wie heiße Schokolade und Kaminfeuer

Am Anfang, ein Schiffsunglück. Mitten hinein in die Musik des Orchesters dringen Schreie. Ein Baby wird in die Partitur einer Beethoven Symphonie gewickelt und überlebt, gebettet in einen Cellokasten. Charles Maxim, der ebenso an Bord des untergegangenen Schiffes war, nennt das Findelkind Sophie und nimmt es in der Kutsche mit zu sich nach Hause. Dies tut er sehr zur Unzufriedenheit von Miss Eliot von der Staatlichen Behörde für das Kindeswohl, die einem Mann die Erziehung eines Mädchens hin zu einer anständigen, jungen Dame nicht zutraut. Als Sophie Zwölf ist will die Behörde Sophie Charles wegnehmen. Charles und Sophie fliehen nach Paris. Hier vermutet Sophie nämlich ihre Mutter zu finden, von der sie fest annimmt, dass sie nicht auf dem Meer ertrunken ist. So beginnt eine hoffnungsvolle Spurensuche, die Sophie schließlich auf die Dächer von Paris führt und zu den Kindern, die dort leben.

Poetische Weltsicht

Sophie auf den Dächern entführt LeserInnen zunächst nach London in eine entrückte Traumwelt. Charles Maxims Haus ist voller Gemälde und Bücher, welche, da Sophie Geschirr aus Ungeschicktheit grundsätzlich zerbricht, nicht nur als geistige Nahrung, sondern auch als Geschirrersatz dienen. Sophies Geburtstagskuchen wird daher auf Shakespeares Ein Sommernachtstraum und die Pommes auf der Landkarte Ungarns serviert. Der alleinstehende Gelehrte, der mit Menschen englisch spricht, “französisch mit Katzen, und mit Vögeln [..] Latein” (9), singt Sophie vor und umgibt das junge Mädchen mit Literatur. Was beide bald verbindet ist eine poetische Sicht auf die Welt, welche ebenso grundlegend den Schreibstil des Romans ausmacht. Dieser, wie auch Sophie und Charles Wahrnehmung, ist geprägt von Vergleichen und Metaphern. Charles wird einführend als sprechender Mondschein und Tinte mit Stimmbändern vorgestellt und Sophies Haare werden mit einem Blitz verglichen. Die Angewohnheit Vergleiche herzustellen macht Mann und Mädchen auch zu aufmerksamen Beobachtern, die gerne, und das mitunter durchaus belustigend, ihre Meinung kundtun.  So sagt Charles, als Sophie einmal Jungenhosen anprobiert, sie sähe „aus wie eine Mathestunde“ (18) und der Kaffee im Pariser Polizeirevier schmeckt für Sophie „nach verbrannten Haaren“ (94). Das Polizeirevier selbst hingegen „gleicht einem Gefängnis“, indem man vergessen habe, „dass es so etwas wie Katzen oder das Tanzen gibt.“ (85) Eine Feststellung, die beide dazu veranlasst, möglichst laut den Flur entlang zu trampeln, um die Atmosphäre zu durchbrechen.

Sophies Leitsatz „Man darf keine Möglichkeit außer Acht lassen“, mit dem bewaffnet sie sich auf die Suche nach ihrer Mutter macht, zieht seine Kraft genau aus dieser Leidenschaft für Sprache. Denn ‘Möglichkeit’ besteht, auch wenn die ‘Wahrscheinlichkeit’ sehr gering ist. Eine sprachliche Feinheit, die, logisch betrachtet, den Unterschied ausmacht, zwischen Statistik und Hoffnungslosigkeit.

Starke Vaterfigur

Direkt zu Beginn sagt Charles über Sophie das Baby: „Ich werde sie lieben. Wenn ich den Gedichten glauben darf, die ich gelesen habe, ist das mehr als genug.“ (11/12) Es ist unter anderem diese Liebe und die sanfte Hingabe mit der diese ausgelebt wird, die den Roman so herausragend machen. Mit Charles wird eine einzigartige Vaterfigur geschaffen, dessen unkonventionelle Methoden Kindeswohl nicht in der Einhaltung von Konventionen, sondern in Zuspruch und erfahrenem Glück verorten. Zwar sind Sophies Haare so eher wild und zerzaust und die Mahlzeiten eher ungewöhnlich, dafür ist der Umgang des Mannes mit dem Kind zutiefst respektvoll. Schon als Baby, noch auf dem Meer, lässt er sie ihren Namen selbst wählen, indem er schaut bei der Nennung welches Namens das Baby lächelt. Macht Sophie Handstand, klatscht er und gibt Ratschläge, was an der Haltung noch zu verbessern sei. Und besteht Sophie darauf Hosen zu tragen, weil sie meint sich zu erinnern, dass ihre Mutter einst Hosen trug, so näht er ihr welche, weil es keine Hosen für Mädchen zu kaufen gibt.

Sophie ist jedoch keinesfalls eine verwöhnte Göre, sondern ist höflich, intelligent und bemüht sich zu benehmen. Vielmehr ist Charles wenig an einer Performanz eines braven, gebändigten Kindes gelegen. Feine Kleidung und ordentliche Frisur werden in dem Roman nur von Sophie verlangt, wenn es gilt ein Theater für andere Erwachsene aufzuführen, wie etwa Miss Eliot oder Polizeiangestellte. Wirkt Charles Verhalten gegenüber Sophie zunächst meist unbeschwert, wird in Paris, als sich Sophies heimliche Ausflüge über die Dächer andeuten, Charles unbedingter Wille, seiner Tochter so wenig Fesseln wie möglich anzulegen, sichtbar auf die Probe gestellt. Erst in den Gefahren der fremden Großstadt zeigt sich so das ganze Ausmaß seiner Charakterstärke.

Sophie auf den Dächern ist ein wundervolles Buch, das viele komplizierte Themen auf leichte und poetische Weise verhandelt. Es geht um Entwürfe von Erziehungsmethoden und das Machtverhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen. Erzählt wird die Geschichte einer Tochter, die den Tod der Mutter nicht akzeptieren will, und eines Mannes, der dem Kind entgegen aller Logik unabrückbar bei der Suche nach der Mutter beisteht. Gleichzeitig feiert der Roman Literatur, Musik, Freiheit, Abenteuer und Lebensfreude, sowie den Zauber, der dem Wort ‚Möglichkeit‘ innewohnt.

Literatur

Rundell, Katherine: Sophie auf den Dächern . Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Carlsen Verlag: Hamburg 2015.

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