Superhelden. Das Handbuch

Der Mythos Superheld

Superhelden gehören zu den zentralen populärkulturellen Figuren und Mythen des 20. und 21. Jahrhunderts; seit der Erfindung Supermans 1938 in Comicform folgte eine bisweilen unüberschaubare Anzahl von Helden, deren Geschichten konsequent transmedial – in Filmen, Hörspielen, Comics und Fernsehserien – weitererzählt werden und wurden. Der Mythos des Superhelden konstituiert sich erst aus der beständigen Arbeit daran und ist, wie schon Umberto Eco 1964 prognostizierte, zur Einschreibungsfigur diverser gesellschaftlicher Entwicklungen geworden. Diesem vielschichtigen Mythos widmet sich das Bilderbuch von Sebastien Perez und Benjamin Lacombe – erschienen bei Jacoby & Stuart –, das bereits im Titel nichts weniger verspricht als das Superheldendasein zu erklären: Superhelden. Das Handbuch.

Mit der signalisierten Textsorte des Handbuchs spielt das Buch dann auch virtuos, ergänzt dessen Grundstruktur aber durch diverse Anleihen aus anderen Medien, kombiniert unterschiedlichste Zeichenstile und Bildästhetiken, die ein liebevoll gestaltetes Ganzes ergeben. So ist das Superheldenhandbuch ein buntes Kompendium, das keine fortlaufende Geschichte erzählt, sondern vielmehr die unterschiedlichen Dimensionen und Aspekte des Heldendaseins aufblättert und als buntes Kaleidoskop an Zugriffen abbildet. Wie bereits der Blick auf das Cover deutlich macht, rekurriert die farbliche und bildsprachliche Gestalung deutlich auf das ‚Goldene Zeitalter‘ der Superheldencomics der 1940er Jahre.

u1_superhelden_srvb1

Jacoby & Stuart 2015

Die Handbuchfiktion

Im Vorwort führt der Superheld Phospho in die Handbuchfiktion ein und verspricht: „Heute werde ich euch in alle unsere Geheimnisse einweihen“ (S. 7), um die angehenden jungen Leser auf ihr mögliches Dasein als Superhelden vorzubereiten. Begleitet wird der Text von einer ganzseitigen Illustration auf der gegenüberliegenden Seite, die Phospho in bester Uncle Sam Manier zeigt und entsprechend verkündet: „I WANT YOU TO BE A SUPERHERO“ (S. 6). Die erste Doppelseite markiert so bereits das durchdachte Verweisspiel, aus dem sich das Buch speist: diverse Versatzstücke der Populärkultur werden miteinander verschmolzen und erzeugen ein regelrechtes Mythenpatchwork des 20. Jahrhunderts – wobei jedoch immer wieder auch Anleihen an ältere Bildikonographien genommen werden, um darüber die lange Tradition von Heldenbildern sichtbar zu machen.

Aber auch die Textebene bedient verschiedene narrative Strategien, es finden sich ‚klassische‘ Handbuchinformationen, etwa über den „Superhelden in 12 Stichworten“ (S. 8/9), „Die superbürgerliche Verantwortlichkeit“ (S. 78) oder „Die Charta der Superhelden“ (S. 13). Ergänzt werden diese vermeintlich faktualen Seiten durch Tagebucheinträge verschiedenster Helden, die darin erklären, wie und wann sie ihre Superkräfte entdeckt haben. Außerdem gibt es Tests, die der Leser selber machen kann – „Hast du das Zeug zum Superhelden?“ (S. 14/15) – und eingebettete Zeitungsausschnitte, die über große Rettungstaten (S. 10/11) berichten. Kongenial bewegt sich die Gestaltung auf dem schmalen Grat von faktualer und fiktionaler Narration und verbindet die jeweiligen Erzählstrategien in Bild und Text zur hybriden Textur. Dass die kleine Bildunterschrift dabei als Fotografen einen gewissen „P. Parker für The Daily Gazette“ (S. 10) ausweist ist ein kleines Detail für den kundigen Nerd des Superheldenunivserums, arbeitet doch Spidermans Alter Ego Peter Parker als Fotograf.

Im Verweisnetz der Populärkultur

Benjamin Lacombe hat sich bereits mit seinen Bilderbuchadaptionen verschiedener Märchen etabliert und arbeitet hier mit Sebastien Perez zusammen, der für die Texte verantwortlich ist. Bild und Text müssen dabei in engster Absprache entstanden sein, denn das Buch zeichnet sich, wie das Beispiel Peter Parker schon angedeutet hat, durch das virtuose Zusammenspiel beider Ebenen aus: jede Seite ist anders gestaltet und lädt zum aufmerksamen Betrachten und Entdecken der Verweise ein. Denn sowohl die Zeichnungen als auch die Texte spielen konsequent mit dem populärkulturellen Archiv des Superhelden und betten diverse Bezüge auf andere Figuren, Comicuniversen und Ereignisse ein. Die Zeichnungen kommen in Lacombes gewohnt farbvollem Duktus daher und sind doch ein wenig gedeckter, was zum Thema der Superhelden hervorragend passt. Spielerisch variiert Lacombe die Zeichenstile und lässt doppelseitige Panoramabilder auf kleinere Sequenzen folgen, die beispielsweise die Merchandiseproduktion rund um Superhelden ironisch aufgreift. Wieder spielen Text und Bild zusammen: „Ein Geschenk des Himmels für die Werbebranche“ (S. 27) lautet die Überschrift und der Text entfaltet weiter, wie Superhelden für Werbezwecke eingesetzt werden, während die Zeichnungen entsprechend diverse Werbeikonen zitieren, von Käse über Nutella bis zu Cornflakes.

Ein Superhandbuch für große und kleine Superhelden

Ein ganz besonderes Gimmick und kleines Superhelden-Gadget liegt dem Buch außerdem bei: eine Pappbrille, die „Super Vision“ verspricht und viele der Zeichnungen dreidimensional erscheinen lässt. Ein Effekt, der verblüffend gut funktioniert und vor allem die fünf schwarz-weißen Doppelseiten im Mittelteil noch plastischer macht und den gezeichneten Superhelden auf ein atemberaubendes Abenteuer durch die Hochhäuserschluchten einer Großstadt schickt.

Der Band besticht durch seine rundum liebevolle Gestaltung – das Motiv der Superhelden wird bis in die Vignetten der Innenseiten aufgegriffen –, dem überbordenden Ideenreichtum, dem Sinn für Details und das virtuose Spiel mit Verweisen der Populärkultur. Der mehrwissende Leser hat hier sicherlich noch mehr Freude, dennoch bleibt neben der Mehrdimensionalität des ironischen Zitatespiels ein wunderschön durchkomponiertes Bilderbuch, das immer wieder neuentdeckt werden kann. Dies ist auch der gründlichen und aufwändigen redaktionellen Betreuung der Übersetzung geschuldet, die die vielen sprachlichen Spielereien und Details aufnimmt.

Literatur

Eco, Umberto: Der Mythos von Superman. In: Eco, Umberto: Apokalyptiker und Integrierte. Zur kritischen Kritik der Massenkultur. Frankfurt a.M. 1984, 187-222 [EA 1964].

Perez, Sebastien, Benjamin Lacombe: Superhelden. Das Handbuch. Berlin: Jacoby & Stuart 2015.

Kommentare sind geschlossen.