Survive the Night

In Survive the Night von Danielle Vega ist der Titel des Romans Programm. Während der Teilnahme an einer hippen und illegalen Raveparty in einem stillgelegten New Yorker U-Bahn-Tunnel gerät eine Teeniegruppe in tödliche Gefahr. Jemand oder etwas ist mit ihnen im Untergrund und will sie umbringen. In bester Tradition eines Slasher-Films versuchen die bunt zusammengewürfelten Jugendlichen, sich aus der brenzligen Lage zu befreien und stolpern dabei von einer gefährlichen Situation in die Nächste.

Der Problemroman in der Horror-Fiction

Bevor das Sterben beginnt, ist es ganz interessant, einen Blick auf die Figurenzeichnung zu werfen und auf die Umstände, die sie überhaupt in diese Situation gebracht haben. Die Gruppe besteht aus der siebzehnjährigen Casey, ihrer besten Freundin Shana, zwei weiteren guten Freundinnen, Julie und Aya, ihrem relativ frischen Ex-Freund Sam und dessen bestem Freund und Bandkollegen Woody.

Casey ist zu Beginn der Erzählung frisch aus einem Schmerzmittel-Entzug zurückgekehrt und eigentlich auf dem Weg zu einer harmlosen Pyjama-Party bei ihren alten Freundinnen aus dem Fussballteam. Casey stellt als autodiegetische Erzählerin ihren Entzug als Folge einer Überdosis nach einer Unachtsamkeit mit Schmerzmitteln dar. Man ahnt als LeserIn bereits, dass bei dieser Version noch einige Details ausgelassen werden.

Von der lahmen Party mit merklich entfremdeten Teamkolleginnen wird Casey von ihren drei Freundinnen ‚erlöst‘. Shana, Aya und Julie werden direkt als wilde Mädchen charakterisiert, sie sind punkig bis alternativ gestylt und damit das genaue Gegenteil der alten Sportfreundinnen, welche als kindlich und brav beschrieben werden (S. 10f). Die neue Clique scheint direkt in die Umstände verwickelt, die letztlich zum negativen Höhepunkt des Entzugs geführt haben. Die beiden männlichen Figuren komplettieren die Gruppe: Woody wird als typischer Surfer-Typ beschrieben, Sam wird durch Caseys Blick als absoluter Schwarm beschrieben, gutaussehend, aber auch mit Prinzipien. Sein älterer Bruder ist schwer drogenabhängig, er selbst lebt daher komplett clean. Nach einer achtmonatigen Beziehung hat er sich von Casey getrennt, kurz vor dem Beginn ihres Entzugs. An diesem Abend im Club begegnen sich die beiden das erste Mal seit der Trennung wieder.

Die Figuren von Survive the Night präsentieren sich in ihrer Charakterisierung zwar durchaus belebt, weisen aber eine deutliche Schablonenhaftigkeit auf, die sowohl zu einem Horrorthriller, als auch zu einem Problemroman gut passen. Entsprechend den Konventionen eines Problemromans steckt die Hauptfigur zudem inmitten einer Herausforderung, in diesem Fall einer Tablettensucht. Die restlichen Figuren sind entweder Teil dieses Problems oder Teil einer möglichen Lösung. Ihnen können dabei eindeutige Handlungsfunktionen zugeordnet werden: Shana repräsentiert das Chaos, sie will Casey auf ‚ihre‘ Seite holen, reizt und provoziert sie, setzt sie sogar ohne ihr Wissen unter Drogen. Sam repräsentiert die gute Gegenseite, clean und vernünftig. Die Hauptfigur steht genau zwischen diesen Polen, fühlt sich zu beiden Figuren hingezogen. Immer wieder denkt sie in inneren Monologen über ihr eigenes Problem nach, je nach Interaktion mit den anderen Figuren redet sie es klein oder will sich ändern, will selbst clean werden. Das ‚Umkreisen‘ der Sucht-Thematik im ersten Drittel des Buches liest sich daher wie der typische Aufbau eines Problemromans und leitet so zunächst auf eine andere Genrefährte.

Splatterige Horror-Fiction

Vermarktet wird Survive the Night allerdings als Psycho-Thriller. Im Paratext werden mehrfach intertextuelle Bezüge zum Werk von Stephen King, dem Meister des Horrors, aufgebaut. Bezogen auf die Horrorqualitäten ist dieser Bezug nicht von der Hand zu weisen. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen, kann die Spannung und auch die Intensität des drohenden Unheils durchaus mit manchen Klassikern des Slasher-Genres mithalten. Die Morde, von denen es im Buch einige gibt, sind brutal und werden auf den ersten Blick ungewohnt graphisch beschrieben, bedenkt man, dass man hier ein Jugendbuch in den Händen hält. Dies soll keine Kritik sein; Jugendliche lesen Texte von Stephen King, daher können sie auch als intendierte Zielgruppe für Texte mit graphisch zur Schau gestelltem Horror gesehen werden.

Die Gruppe landet schließlich auf einem illegalen Untergrund-Rave, der titelgebenden Survive the Night Party in einer stillgelegten U-Bahn-Station. Nach kurzer Zeit auf der Party ändert sich der Ton des Romans drastisch: Die Polizei stürmt den Rave und räumt den Tunnel, die Gruppe der Hauptfiguren ist zu diesem Zeitpunkt abseits in einem Nebentunnel, auf der Suche nach Julie, welche vermisst wird. Durch diesen Umstand werden die Jugendlichen im Untergrund zurückgelassen, zusammen mit einem Killer, denn genau in dem Moment, als die Polizei verschwunden ist, findet die Gruppe die erste schrecklich zugerichtete Leiche. Der Übergang vom ersten Drittel mit der Einführung der Figuren hin zur Horrorerzählung ist geschickt in Szene gesetzt: Shana hat Casey Drogen in ihren Drink gekippt, diese nimmt den Rave daher als einen zunehmend alptraumartigen Trip war, in welchem sich Realität und Halluzination vermischen. So stolpert sie schon früh über die erste Leiche, tut dies aber zunächst als eine Wirkung ihres Rausches ab (S. 102f). Erst nach einer durch Erbrechen erzwungenen Ausnüchterung will sie der Sache näher auf den Grund gehen und überzeugt ihre Clique, mit ihr in den Tunneln nach dem Opfer zu suchen. Als dann von der Polizei der Weg aus dem Tunnel heraus von außen versperrt wird, sieht sich die Gruppe gezwungen, nicht nur einen anderen Ausweg im Labyrinth des alten U-Bahnsystems zu finden, sondern auch vor dem Mörder zu flüchten, der mutmaßlich immer noch mit ihnen hier unten ist.

Mal kurz über Gefühle reden

Sowohl der Part der Erzählung, der wie ein Problemroman daherkommt, als auch die Weiterführung als Horrorerzählung funktionieren für sich genommen als Genreliteratur gut und auch der Übergang zwischen diesen beiden Teilen ist erzählerisch gut gelungen. Bedauerlicherweise endet die Vermischung dieser beiden Genres mit dem Auftauchen des ersten Mordopfers nicht. Stattdesse wird in immer kleineren Schritten zwischen Problem- und Horrorerzählung hin und her gewechselt.

Ein gutes Beispiel für diesen Spagat bietet eine Diskussion der Gruppe, kurz nachdem diese erkannt hat, dass sie einen anderen Ausweg aus der U-Bahn finden müssen. Casey erfährt durch einen beiläufigen Nebensatz, dass ihr Ex-Freund Sam und ihre beste Freundin Shana während ihres Entzugs miteinander geschlafen haben. Sie stellt die beiden daraufhin emotional zur Rede:

„Meine Zweifel fühlen sich jetzt anders an: panisch und hässlich – verzweifelt. Meine Wangen fangen an zu glühen und ich sehe Sam an. […]
‚Shana?‘, zische ich. ‚Du hast mit Shana geschlafen?‘“ (S. 151f)

Der darauffolgende Dialog und Caseys Beschreibung ihrer eigenen Gefühle erstreckt sich über mehrere Seiten und könnten als Blaupause für eine dramatische Szene in einem Liebesroman dienen. Die ganze Szene findet nur wenige Minuten nach dem Fund einer brutal zugerichteten Leiche statt, während die Gruppe mutmaßlich immer noch mit dem Killer in einem verlassenen U-Bahnhof gefangen ist, ohne bisher einen anderen Ausweg gefunden zu haben. Unterfüttert wird dieser Moment noch zusätzlich mit einer Rückblende Caseys, eine Erinnerung an einen Moment kurz vor ihrer Einlieferung in den Entzug, in der Shana sich ihr gegenüber extrem rücksichtslos verhält und sie sogar in Gefahr bringt.

Der Versuch, den Figuren durch diese Erzählstruktur zusätzliche Tiefe zu geben, raubt dem Horror immer wieder seine Unmittelbarkeit. Natürlich kann man sich vorstellen, dass in der erzählten Zeit der Geschichte für Caseys Erinnerungen nur wenige Sekunden vergehen und das Streitgespräch zwischen den Jugendlichen sehr schnell und hektisch geführt wird. In der Erzählzeit braucht man als Leser aber lange Minuten, in denen die Gruppe scheinbar auf der Stelle verharrt. Die Verschränkung von typischen jugendliterarischen Themen und harter Horrorstory wird auch im Verlauf der Erzählung noch ein paarmal unternommen und wirkt dabei stets ein wenig erzwungen, als wäre der Versuch unternommen worden, dem Buch noch deutlicher dass Prädikat „Jugendbuch“ aufzudrücken.

Grundlegend hat man es bei Survive the Night mit einem spannenden und unterhaltsamen Roman zu tun, welcher mit einer gut erdachten Gruppe von Figuren besetzt ist. Casey und ihre Freunde gewinnen wahrscheinlich keinen Preis für bahnbrechende Individualität, sie sind aber gerade für die Genres des Problem- und des Horrorromans ausreichend glaubhaft beschrieben. Der Text bedient beide Genres durchaus gekonnt, verzichtet zwar darauf, neue Wege zu beschreiten, erlaubt sich auf den üblichen Pfaden aber auch keine großen Fehltritte. Noch besser wäre das Leseerlebnis jedoch vielleicht gewesen, wenn sich die Autorin irgendwann für eine eindeutige Marschroute entschieden hätte, anstatt immer wieder beide Genres gleichermaßen bedienen zu wollen.

Literatur

Vega, Danielle: Survive the Night. Aus dem Amerikanischen von Inge Wehrmann. Beltz und Gelberg: Weinheim 2016.

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