Der Wald der außergewöhnlichen Tiere

In Ally Bennetts Roman Der Wald der außergewöhnlichen Tiere, 2019 bei Kosmos erschienen, gelingt einer Gruppe exotischer Zootiere bei einem Transport die Flucht in einen Wald. Ihr Abenteuer beginnt an dieser Stelle erst, denn nicht nur müssen die Tiere sich an die neuen Lebensumstände anpassen, sie müssen sich auch mit den Waldbewohnern auseinandersetzen. Und diese können sich mit den für sie fremden Neuankömmlingen wirklich nicht anfreunden. Der Roman behandelt wichtige Themen wie Flucht, Migration, Fremdenfeindlichkeit und Toleranz und schafft es dabei, diese an eine Leserschaft ab 7 Jahren anzupassen.

Der Wald als Mikrokosmos

Die Flucht der Tiere gelingt, als sie per Zug von einem Zoo zu einem anderen verlegt werden sollen. Zur Gruppe gehören der Wasserbüffel Bodhi, das Zebra Zola, das Känguru Hope, der Affe Pan und das Impala-Baby Nala. Für Letztere stellt die Flucht eine besondere Herausforderung dar, denn eigentlich hätte Nala in den Zoo ihrer Mutter Lamina gebracht werden sollen. Hope übernimmt stattdessen die Rolle der Leihmutter, weiß aber leider nicht so genau, wie man ein Impala aufzieht. Keines der Tiere war in seinem Leben schon einmal in einem Wald, dennoch genießen sie ihre Freiheit, wie Pan direkt äußert:

„Wir sind hier nicht irgendwo gelandet, sondern im Paradies für exotische Tiere. Ich bin schon weit herumgekommen, ich weiß, wovon ich rede. Bleibt mal für einen Moment ganz ruhig und seht euch um. Für uns gibt es Verstecke, Früchte, Wasser. Alles da! Kurz: Mir gefällt es hier!“

Bennett 2019, S. 21.

Die Gruppe beschließt, den Wald zu ihrem neuen Zuhause zu machen. Noch nicht kennengelernt haben sie zu diesem Zeitpunkt die bereits dort lebenden Waldbewohner, angeführt von Hirsch Rudi. Zu dieser Gruppe gehören typische Tiere eines europäischen Waldes, wie das Wildschwein Jack, der Uhu Oskar oder die Eichhörnchen Zottel und Puschel. Vergleicht man die Namen der beiden Gruppen, lässt sich bereits eine klangliche Markierung der Fremdheit festellen: Während die Waldtiere europäisch klingende Namen tragen, klingen die Zootiere deutlich ungewöhnlicher. Die Waldtiere beäugen die Ankunft der Zootiere ausgesprochen misstrauisch. Die Neuankömmlinge sind für sie wortwörtlich „fremd“ (Bennett 2019, S. 37) und allein deswegen nicht bei allen willkommen. Schnell entsteht eine Diskussion, ob nicht die Nahrung im Wald knapp werden könnte:

„Und das wäre wirklich ungünstig. Das Futter reicht gerade so für unsere Waldgemeinschaft und besonders vor dem Winterschlaf brauchen einige von uns viel Nahrung.“

Bennett 2019, S. 43.

Bennetts Roman etabliert seine Welt als leicht überschaubaren Mikrokosmos. Der Wald erscheint den Leser*innen klein, er scheint nur von wenigen Tieren bevölkert, die sich in ihren Charaktereigenschaften klar voneinander unterscheiden. Jede Figur steht dabei stellvertretend für einen bestimmten Typus, sei es der kontaktfreudige und weltoffene Affe oder die weise Eule. Durch die Verwendung dieser Archetypen etabliert die Erzählung mit einfachen erzählerischen Mitteln einen anschwellenden Konflikt zwischen den beiden Parteien.

Das Wutschwein

An der Figur des Wildschweins Jack lässt sich exemplarisch zeigen, wie die Erzählung mit stereotypen Charakterzügen arbeitet, um dadurch eine Situation zu entwickeln, die sich auf die Wirklichkeit der Leser*innen übertragen lässt. Jack ist in der Gruppe der Waldtiere der besorgte Bewohner, unumwunden gesagt äußert er sich rassistisch. Allem, was er nicht kennt, steht er negativ gegenüber, sein Verhalten ist dabei von unbelegten Vorurteilen geprägt. Als die Waldtiere von der Eule Oscar erklärt bekommen, um wem es sich bei den Zootieren handelt, unterbricht Jack mehrfach die Erläuterungen:

„Da haben wir den Salat!“, grunzte Jack „Sage ich doch: es sind Fremde! Womöglich gemeine Fleischfresser, die es auf meine Kinder abgesehen haben, so wie der Fuchs!“.

[…]

„“Büffel. Wuuuha! Schon das Wort macht mich extrem wütend“, grunzte Jack. „Richtig zornig! Büffel, wenn ich das schon höre. Ich mag einfach keine Büffel. Total nicht!“

Bennett 2019, S. 41.

Jacks Äußerungen sind eindeutig fremdenfeindlich (das Wort ist an dieser Stelle wohl das genaueste, da sein Verhalten sich gegen in der Situation fremde Neuankömmlinge richtet). Bennett etabliert eine Figur, welche sich durch eine Kombination von Angst, Unwissen und Vorurteilen rassistisch verhält. Jacks Grund für Sorge ist sein Nachwuchs, fünf junge Frischlinge. Sein Schutzverhalten wird in der Erzählung aber schnell als irrational markiert, weder seine Kinder noch seine Frau Greta teilen seine Ängste. Im Gegenteil erscheint die Wildschweinmutter ausgesprochen tolerant, was auch durch ihre Biographie begründet wird:

„Ein Fremder ist nur solange fremd, bis man ihn kennengelernt hat. Das habe ich von meinen Eltern gelernt. Sie hatten viel Glück auf der Flucht. Auf ihrer langen, beschwerlichen Reise sind sie immer wieder in fremden Revieren gelandet. […] Ja, jetzt wisst ihr es. Auch meine Eltern sind nicht in unserem Wald geboren! Auch sie waren einmal Fremde.“

Bennett 2019, S. 83.

Unausweichliche Konflikte?

Jack ist nicht die einzige Figur, die zur Anspannung des Konflikts beiträgt. Auch die anderen Waldtiere sind mindestens skeptisch gegenüber den Intentionen der Zootiere. Diese wiederum sehen den Wald vor allem als verheißungsvollen neuen Lebensraum, stellen sich zuerst aber nicht die Frage, wie sie möglichst diplomatisch einen Platz in diesem beanspruchen könnten.

Fehlende und missverständliche Kommunikation zwischen den beiden Gruppen werden in der Erzählung immer wieder als Katalysator für die Eskalation genutzt. An einer Szene zwischen der Hirschkuh Helene und dem Känguru Hope lässt sich das Muster gut zeigen: Wie oben erwähnt ist das Impala Nala ohne seine Mutter im Wald gelandet und wird nun von Hope als Leihmutter versorgt. Allein durch die unterschiedlichen Gattungen genügt Nala diese Pflege aber nicht, weshalb sie sich zu Helene hingezogen fühlt, die ihrer Mutter viel mehr ähnelt. Als Hope an einem morgen das Impala in der Obhut von Helene findet, unterstellt das Känguru, dass sie gegen ihren Willen entführt worden sei. Als Nala die Situation aufklärt und Hope beichtet, dass sie freiwillig zur Hirschkuh gegangen ist, wirft diese dem Jungtier Verrat vor: „Das Känguru schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. ‚Du – du willst zu den Waldtieren überlaufen?'“ (Bennett 2019, S. 94) Später berichtet Hope in ihrer Gruppe von dem Ereignis, stellt es dabei aber so dar, als sei Nala gegen ihren Willen von den Waldtieren verschleppt worden. Auf Seiten der Zootiere handelt Hope damit ähnlich gedankenlos und intolerant wie das Wildschwein. Das Unvermögen, Konflikte diplomatisch durch Dialog zu deeskalieren, wird explizit betont:

„Dieses ewiglange Gequatsche, das nervte sie [Hope] einfach nur. Die anderen sollten einfach handeln. Mitkommen und Nala zurückholen. Es war doch völlig egal, ob Nala nun freiwillig mitgegangen war. Wen interessierte das schon? Hope zumindest nicht. Was zählte, war, dass Nala zu ihnen, zur Gruppe der exotischen Tiere gehörte. Und zu ihr, zu Hope.“

Bennett 2019, S. 105f.

Der Roman stellt die Unfähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, als großes Problem dar. Viele Figuren handeln egoistisch und engstirnig und vertiefen so die Gräben zueinander. Gleichzeitig werden stets Gründe genannt, welche die Handlungen der Tiere nachvollziehbar machen, ohne sie zu rechtfertigen, seien es Hopes Muttergefühle oder Jacks Schutzinstinkt als Vater.

Toleranz als Lösung

Der Wald der außergewöhnlichen Tiere zieht für kindliche und erwachsene Leser*innen gleichermaßen deutliche Parallelen zu aktuellen gesellschaftlichen Konflikten. Die komplexen Themen von Flucht und Migration, Misstrauen und Fremdenhass werden gelungen an den Verständnishorizont der intendierten Leserschaft angepasst.

Natürlich bietet der Roman auch eine Lösung an: Der tolerante und hilfsbereite Umgang miteinander. Im Wald ereignet sich ein Notfall, welcher die Tiere beider Lager zusammenbringt. Einer von Jacks und Gretas Frischlingen verschwindet in der Region des Waldes, in der Jäger Fallen aufgestellt haben und hungrige Füchse unterwegs sind. Nur mit Hilfe der vereinten Fähigkeiten aller Tiere kann das Junge rechtzeitig gerettet werden. In der gemeinsamen Rettungsaktion lernen sich die Parteien gegenseitig schätzen, sie erkennen, dass sie sehr ähnliche Beweggründe haben und sich einander nichts Böses wollen. Am Ende einer erfolgreichen Rettungsaktion steht ein gemeinsames Fest inklusive Friedensschluss. Die vorher als negativ gezeichneten Figuren zeigen sich hier geläutert und verstärken so die Aussage, dass ein toleranter Umgang miteinander nicht schwer ist. Hier darf sich selbst Jack von seiner positiven Seite zeigen: ‚“Also, das will ich doch meinen. Alles absolut und überhaupt kein Problem.“ (Bennett 2019, S. 156), antwortet er auf die Frage, ob sich so viele unterschiedliche Tiere denn wirklich gut verstehen könnten.

Bennetts Roman ist ein gelungener Einstieg, um Kindern ein wichtiges gesellschaftliches Thema näherzubringen. Die Erzählung bietet eine spannende Geschichte, unterhaltsame Charaktere und eine klar erkennbare Aussage, die als Diskussionseinstieg genutzt werden kann. Das Buch selbst ist dabei nicht übermäßig pädagogisch, kann aber sicherlich gut pädagogisiert werden. Die Nachricht, die Der Wald der außergewöhnlichen Tiere vermittelt, ist aktuell und wichtig, daher gibt es von unserer Seite aus eine klare Leseempfehlung, sei es im privaten oder schulischen Kontext.

Literatur

Bennett, Ally (2019): Der Wald der außergewöhnlichen Tiere. Stuttgart: Kosmos.

Kommentare sind geschlossen.