Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte

Dita Zipfel habe „das aufregendste, schönste und witzigste Gehirn“, kündigt Finn-Ole Heinrich auf dem Klappentext des Romans Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte an. Dass er damit nicht allzu sehr übertreibt, stellt man schnell beim Lesen fest: Dita Zipfels Text sprüht nur so von Einfallsreichtum, messerscharfen Beobachtungen der Gegenwart, skurrilen Figuren, irrsinnig lustig-poetischen Formulierungen und großer Lust am Spiel mit der Sprache. Zipfel kannte man bisher als Autorin der Bilderbücher Monsta (2018) und Trecker kommt mit! (2017), mit ihrem ersten Roman zeigt sie nun aber, dass sie auch die längere Form außerordentlich gut zu füllen weiß.

Erzählter Wahnsinn

Lucie Schnurrer, fast 13 Jahre alt, „kurz vor erwachsen, die letzten Jahre in mütterlicher Obhut, erste große Liebe in greifbarer Nähe, Brüste noch nicht, aber lange kann das auch nicht mehr dauern“ (S. 13), ist die Protagonistin und Erzählstimme der Geschichte. Aus ihrer subjektiven Mitsicht, die erzählerisch in sanft ironischem Ton eingefärbt ist, entwickelt sich eine klug konstruierte Geschichte, die sich um das nicht immer konfliktfreie familiäre Miteinander, beginnende pubertäre Verzweiflung und freundschaftliche (Liebes-)Verwicklungen entspinnt. Oder: eben einfach der ganz normale alltägliche Wahnsinn. Zipfel gelingt es dabei, subtil die Facetten des Teenagerdaseins auszuleuchten, ohne plakative Konflikte auszustellen. Dies liegt vor allem an der erzählerischen Perspektive von Lucie, für die Zipfel eine so treffende Tonlage findet.

Survivaloutfits im Hochhausblock

Den Anfang der Geschichte macht ein Zettelaushang, den Lucie im Supermarkt entdeckt: Gesucht wird jemand zum Gassigehen mit einem Hund, gezahlt werden 20€ die Stunde. Mehr Informationen bietet die gezeichnete kryptische Anzeige nicht, aber da Lucie unbedingt das Geld benötigt, um nach Berlin zu fahren, meldet sie sich daraufhin bei Herrn Klinge: „Herr Klinge trägt Weste, Hose und Hemd in verschiedenen Grüntönen […]. Ein übertriebener Förster im Hochhausblock.“ (S. 7) Schnell verfestigt sich Lucies erster Eindruck über die Merkwürdigkeit von Herrn Klinge und dieser entpuppt sich als verschrobener Rentner, der sich in seiner ganz eigenen sprachlichen Ausdrucksweise artikuliert, sich von Geheimdiensten überwacht wähnt und Lucie mit Geheimaufträgen ausstattet. Was in der Zusammenfassung zunächst skurril klingen mag, ist es auch, aber sukzessive entdeckt Lucie den wahren Kern von Herrn Klinge und die beiden nähern sich immer mehr an.

Familiäres Miteinander

Neben dem Erzählstrang um Beziehung zu Herrn Klinge thematisiert der Roman vor allem das familiäre Umfeld von Lucie. Dieses entspricht ganz der spätmodernen Realität mit einem jüngeren Bruder, getrennten Eltern und wechselnden neuen Partnerpersonen der Mutter, bei der Lucie und ihr Bruder Janni leben. Dass ihre Mutter dabei nicht nur Beziehungen mit Männern eingeht, sondern lange auch mit einer Frau liiert war, erzählt der Roman ganz unaufgeregt und bricht die heteronormative Ordnung von Familienbildern geschickt auf. Insbesondere mit der Exfreundin Bernie fühlt Lucie sich immer noch verbunden und zu ihr will sie auch nach Berlin fahren, weil sie die Anwesenheit des neuen Partners Michi kaum mehr erträgt. Die Figur Michi ist das bewusst überhöhte Klischee eines weichgespülten, langhaarigen ‚Ökos‘, dessen Lieblingsmusik „Wale, die auf der Panflöte georgianische Mönchgesänge imitieren“ (S. 12) ist.

Seitenhiebe auf die 2010er Jahre

Über die eigentliche Handlungsebene hinausgehend erweist sich der Roman damit auch als Ausdrucksmedium eines aktuellen Zeitgeistes, bzw. wird dieser subtil parodiert. Ähnlich wie in Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich (2018), das gekonnt das Leben in Berlin Mitte aufs Korn nimmt, finden sich auch in Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte unzählige Seitenhiebe auf das Dasein von Erwachsenen:

Hat er sich verkleidet, oder ist er einfach überausgestattet? […] Einer, der einen Spaziergang mit seinem Hund nicht ohne GPS-Gerät unternimmt? So wie manche Leute denken, sie könnten nicht joggen gehen, wenn sie nicht ihr Handy an den Arm und drei kleine Wasserflaschen um den Bauch gebunden, die neusten Full-Suspension-Schuhe an den Füßen und einen Schweiß abtransportierenden, farblich aufeinander abgestimmten Zweiteiler anhaben? Und dann schaffen sie eine Runde um den Park.

Zipfel, S. 7

Aber auch der Alltag der Kinder wird in all seinen ambivalenten Herausforderungen thematisiert: Mobbing, Missbrauch, WhatsApp Chats und Bearbeitung von Fotos sowie Diskriminierung oder Homophobie werden angeschnitten, aber ohne die Konflikte mit dem didaktischen Holzhammer zu moralisieren.

Ins Bild gesetzt – Illustrationen

Begleitet und unterstützt wird die Geschichte durch die ausdruckstarken Illustrationen von Rán Flygenring, die zuvor u.a. die Maulina Trilogie von Finn-Ole Heinrich illustriert hat. Die Zeichnungen bilden hier wieder nicht einfach nur einzelne Szenen ab, sondern ergänzen das Erzählte mit zusätzlichen Informationen. So werden Michi und die anderen Figuren beispielsweise in einem Steckbrief vorgestellt und mit weiteren charakteristischen Merkmalen versehen. Flygenring variiert die Größen und Stile ihrer Illustrationen. Von kleinen Vignetten bis hin zu Seiten füllenden Abbildungen, Rezepten, Comicpanels und Briefschnipseln sind die Zeichnungen genauso facettenreich wie der Schrifttext. Ein kräftiges Orange, das die Gestaltung des Covers prägt, durchzieht den gesamten Bildtext und verknüpft geschickt die Handlungsebene des Romans mit der visuellen Inszenierung. Das Zusammenspiel von Zipfels Text und Flygenrings Illustrationen ist virtuos.

Zipfel, Dita: Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte. Mit Illustrationen von Rán Flygenring. München: Hanser 2019.

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